Gehsteig

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Gehsteig (Frage 4g)

Der (meist) gepflasterte Bereich für Fußgänger neben der Straße wird in der Straßenverkehrsordnung von Deutschland Gehweg genannt, worunter man allerdings auch einen Weg für Fußgänger, der nicht neben einer Straße verläuft, verstehen kann. In Österreich wird dagegen amtlich zwischen Gehweg 'Weg nur für Fußgänger' und Gehsteig 'Teil der Straße, der von der Fahrbahn abgegrenzt und für Fußgänger bestimmt ist' differenziert. In der Schweiz wiederum heißt der unabhängige Weg für Fußgänger Fussweg, der Teil der Straße dagegen Trottoir (https://de.wikipedia.org/wiki/Gehweg).

Der alltagssprachliche Gebrauch entspricht in Österreich (Gehsteig) und in der Schweiz (Trottoir) diesen amtlichen Bezeichnungen; auch im Elsass und in Lothringen wird das übliche französische Wort Trottoir verwendet. In Deutschland dagegen ist nur im Südwesten und teilweise bis nach Bayern hinein Gehweg üblich; auch in Ostdeutschland kommt diese Bezeichnung vor. An vielen Orten in Baden-Württemberg ist jedoch Trottoir gebräuchlicher als Gehweg, und auch in der Pfalz und im Saarland sowie in Luxemburg und Ostbelgien sagt man Trottoir. Das Wort kommt von franz. trotter 'traben, trotten', ob ein Zusammenhang mit dem germanischen treten besteht, ist nicht ganz klar (Duden-Etymologie). In den Dialekten ist dieses Wort noch weiter verbreitet, so ist es nach dem RWA (58) auch nördlich der Pfalz bis zum Niederrhein die dominierende Dialektbezeichnung für den Gehweg neben der Straße.

Die Üblichkeit des französischen Worts erklärt sich wahrscheinlich damit, dass auch die Sache im 19. Jh. aus Frankreich übernommen wurde. Zwar gab es schon in der Antike in Griechenland und Rom speziell für den Fußgängerverkehr eingerichtete Teile städtischer Straßen, im Mittelalter wurde dies aber nicht fortgeführt; erst im späteren 18. Jh. wurden in London und Paris wieder eigene, erhöhte Wege für Fußgänger neben der Straße gebaut (s. https://fr.wikipedia.org/wiki/Trottoir; https://en.wikipedia.org/wiki/Sidewalk#History); im 19. Jh. breitete sich diese Neuerung dann auch in deutschen Städten aus, und mit ihr deren Bezeichnung auf Französisch. Im Zusammenhang mit der zunehmenden, politisch-nationalistisch motivierten Bekämpfung französischer Lehnwörter im Deutschen, die im Ersten Weltkrieg ihren Höhepunkt erreichte, traten dann deutsche Wörter an die Stelle von Trottoir.

In Campes Verdeutschungswörterbuch von 1813 findet sich allerdings noch kein erfolgreicher Vorschlag (man merkt auch, dass die Sache noch nicht sehr verbreitet ist): „Trottoir [...] ein an den Seiten der Straßen in verschiedenen Städten angelegter Fußweg von breiten und platten Steinen. Bei uns in Braunschweig nennt man dergleichen Fußwege die breiten Steine, wofür man auch kürzer und mit Einem Worte die Plattsteine sagen könnte. Auf den Plattsteinen zu reiten oder zu karren ist verboten. Fußbank, welches Meiners dafür hat einführen wollen, bedeutet bekanntlich schon etwas Anders, und würde daher zu Mißverständnißen Anlaß geben.“ (Campe, 596)

Durchgesetzt hat sich nördlich der Mainlinie heute vor allem das Wort Bürgersteig; das den städtischen Kontext des Konzepts unterstreicht. -steig ist auch das Grundwort der Bezeichnung Gehsteig, die außer in Österreich und Südtirol auch in Bayern dominiert, genau innerhalb der Ländergrenzen. Als Steig (zum Verb steigen) wurden seit dem Althochdeutschen vor allem schmale Wege bezeichnet, speziell dann auch (schmale) Wege für Fußgänger im Gegensatz zu (breiteren) Straßen für Fuhrwerke (DWB XVIII, 1856ff.). (Da man festgestellt hat, dass heutige Wanderer schmale Wege bevorzugen und sich anstrengen wollen, ist -steig in jüngerer Zeit auch bei der Benennung und Vermarktung von Wanderwegen wie Rheinsteig, Rothaarsteig usw. wieder populär geworden.) In Sachsen und Sachsen-Anhalt dominiert dagegen ganz deutlich Fußweg. Drei der vier möglichen Kombinationen von Geh- / Fuß- und -weg / -steig haben sich also als Ersatz für Trottoir etabliert, jeweils in verschiedenen Regionen – eins der zahlreichen Beispiele dafür, dass geographische Variation in der Alltagssprache nicht allein aus alten dialektalen Unterschieden entspringt, sondern auch Konzepte des modernen bzw. städtischen Lebens und neu entstandene Wörter betrifft.