Apfelrest

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Apfelrest (Frage 1a)

Apfelrest

Für einen ‘Apfelrest mit den Kernen, den man meist wegwirft, wenn das Fruchtfleisch drumherum abgegessen ist’ gibt es eine ausgesprochene Bezeichnungsvielfalt im Deutschen.

Leicht erklärbar ist die Zusammensetzung Kerngehäuse, die vor allem im Nordwesten Deutschlands üblich ist: Sie bezieht sich eigentlich nur auf einen Teil des Apfelrests, nämlich eben das innere Gehäuse, das die Apfelkerne enthält. Im Westen, und zwar fast genau innerhalb der Landesgrenzen von Nordrhein-Westfalen, gibt es allerdings noch zwei weitere Bezeichnungen: In Südwestfalen und im Siegerland sagt man Nüsel, das man auch für andere (unansehnliche) Reste von Essen, Tabak, klebrigem Schmutz u.a. verwendet (DWB VI, 285f.). Im Rheinland und im Ruhrgebiet heißt es (Apfel-) Kitsch oder (Apfel-) Ketsch. Das Wort gehört wohl zum Verb kitschen / ketschen, das in den rheinischen Dialekten ‘einkerben’ oder ‘mit oberflächlichen Hieben an einem Holzstücke, Stamme hauen’ bedeutet (RhWb IV, 570). Kitsch oder Ketsch bezieht sich demnach entweder auf den Teil des Apfels, den man mit einem Messer einkerbt oder aussticht, bevor man ihn isst, oder vielleicht auf das Aussehen des abgegessenen Apfelrests, der an einen grob behauenen Baumstamm  erinnert (vgl. RWA, 15).

Die in Grüntönen eingefärbten Formen Griebsch, Griebs, Krebs und Gröibschi (u.ä.) sind etymologisch alle miteinander verwandt. Griebsch wird – abgesehen von Nordfriesland und dem Süden Niedersachsens – vor allem in den östlichen deutschen Bundesländern verwendet. Die Form ohne Palatalisierung des s, Gribs, schließt sich südlich in einem Bogen von Nordhessen über Thüringen, Oberfranken, das Vogtland bis nach Meißen und Dresden an. In Nordthüringen und im (Süd-) Harz lautet das Wort – mit anlautendem k statt g und zu e gesenktem i(Apfel-) Krebs. Vom selben Wortstamm leitet sich auch das Wort (Apfel-) Gröibschi ab, das vor allem im Kanton Bern verwendet wird (auch in den Lautformen Grübschi, Gribschi, Gröitschi, Grötschi sowie im Aargau – mit Metathese – Güürbsi, s. KSdS, 147, 149). Bei diesen Bezeichnungen wird eine Verbindung zum Wort Grieben gesehen (s. Pfeifer, unter Griebs), was zum einen ausgebratene Speckstücke bezeichnet (vgl. Griebenschmalz), im Althochdeutschen aber auch ‘Brennholz, Ausgetrocknetes’ bedeuten konnte (Pfeifer, unter Grieben, KSdS, 147).

Im Saarland sowie in großen Teilen von Rheinland-Pfalz und Hessen heißt der Apfelrest Krotz – mit verschiedenen Lautvarianten: Grotz, Krotze, Krotzen, Krutze, Grutz, Grutzen u.a. Auch hier ist die Etymologie unsicher, und die weiteren Bedeutungen – von ‘(kümmerlicher) Essenrest’ über ‘verkrüppelter, knorriger Baum’, ‘Strunk von Kohlköpfen’, ‘getrockneter Nasenrotz’ bis hin zum ‘unförmigen Bruchstein’ – lassen auch hier keine sichere Deutung zu, was die ursprüngliche Bedeutung war, von dem sich bildlich ähnliche Konzepte ableiteten (vgl. RhWb II, 2, 1472 IV, 1575; PfWb III, 492; DWB XI, 2424; RWA, 15).

Im oberdeutschen Raum sowie in Luxemburg verbreitet sind die miteinander verwandten (und rötlich eingefärbten) Formen Butzen, Bitz, Burzen, Batzen u.ä. Butzen ist in Baden-Württemberg, Bayern, Österreich und Südtirol die klar dominante Variante. Burze(n) wurde – neben Butzen – aus dem Elsass, aus Lothringen sowie aus Niederösterreich gemeldet. Bitz kommt in der Deutschweiz (außer in den westlichen Kantonen), in Liechtenstein sowie auch in Oberösterreich (neben Butzen) vor. In der Schweiz gibt es noch etliche andere Laut- und Verkleinerungsformen wie Bitzgi, Bütschgi, Bätschgi, Buschgi, Bätz(g)i u.a. (KSdS, 146ff.). Batzen wurde nur selten gemeldet, und zwar aus Wien sowie aus Luxemburg und dem Eifel-Mosel-Gebiet, wo es im Dialekt noch sehr viel verbreiteter ist (bzw. war, s. RWA, 15). Mit Butz(e) ist wohl ursprünglich die ‘Blütennarbe des Apfels’ gemeint (KSdS, 147; vgl. auch DWB II, 590), sodass die Bezeichnung metonymisch auf einen anderen Teil des (gereiften) Apfels  übertragen wurde.

Überhaupt ist die Vielfalt der Bezeichnungen für den ‘Apfelrest’ in den Dialekten noch sehr viel größer (vgl. nur die Karten im RWA, 15, oder im KSdS, 1456ff.). Auffällig ist aber, dass die Bildgebung vieler dieser Bezeichnungen ganz ähnlich ist, dass sie nämlich auf ein unförmiges, ausgetrocknetes, knorriges Äußeres verweisen. Im Vergleich mit einer älteren Karte mit Ergebnissen aus den 1970er Jahren zeigt sich, dass zum einen damals kleinräumig verbreitete Formen wie (Apfel-) Knust (v.a. in Norddeutschland, s. auch Knust in der Bedeutung Anfangs- oder Endstück des Brotes’) oder (Apfel-) Kippe (Ruhrgebiet) gar nicht mehr auftauchen, und dass sich zum andern im Nordwesten Deutschland das Wort Kerngehäuse und im Nordosten der Ausdruck Griebsch sehr stark verbreitet haben. Die Verbreitungsgebiete aller anderen Varianten – selbst des nur kleinräumig verbreiteten Nüsel – sind stabil geblieben.